Zukunft der hausärztlichen Versorgung?

Liebe Patientinnen und Patienten,

aus aktuellem Anlass heute einige Gedanken zum Thema Erhalt der hausärztlichen Versorgung.

Im Brandenburg versorgten Hausärztinnen und Hausärzte 90 % der Patienten mit Covid 19. 4/5 aller Impfungen fanden in unseren Praxen -trotz Milliarden € für die Impfzentren- statt.
80% aller Behandlungsanlässe im Gesundheitswesen werden in der hausärztlichen Versorgung gelöst. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Hausärztinnen und Hausärzte das Herz des Gesundheitssystems sind! Leider werden seit mehr als 15 Jahren ausschließlich die Krankenhäuser und die zuletzt auch die Gebietsärzte mit ordentlichen Zuwächsen in der Vergütung bedacht. Unser Berufsstand wurde um 15 % hinter der Inflation und der allgemeinen Einkommenssteigerung abgehängt.
Während noch vor 10-15 Jahren die Hälfte des Umsatzes einer Hausarztpraxis Gewinn vor Steuer war, so ist es heute noch ein Viertel. Gleichzeitig vervielfachten sich die Aufgaben: durch das DRG System und die kürzeren Liegezeiten im Krankenhaus -> Verlagerung von Leistungen in die Hausarztpraxis. Kein Termin beim Gebietsarzt -> Leistungsverlagerung zum Hausarzt. Pflegehilfsmittel, Hauskrankenpflege, Anträge -> ausschließlich beim Hausarzt! Im Schnitt werden wir 4,8 x / Quartal für jeden Patienten tätig. Verordnungen, Hauskrankenpflege, Nachbereitung Krankenhausaufenthalte? Machen wir alles umsonst. EKG, Blutabnahmen? Umsonst.

Schön, dass allen alles in unserem Gesundheitssystem zur Verfügung steht. Schade, dass es unserer Gesellschaft so wenig wert ist. Das gilt für alle Berufsgruppen die verantwortlich am Menschen arbeiten.

Wir sind am absoluten Limit unserer Leistungsfähigkeit!
Das heißt konkret: mit den immer geringer werdenden Erträgen beschäftigen wir bereits die maximal mögliche Anzahl an Mitarbeiterinnen. Damit das Hamsterrad weiter laufen kann, benötigen wir Ihre Unterstützung! Denn wir sind einige der wenigen, die überhaupt zukünftig noch versorgen werden können!
30 % der Hausärzte in Brandenburg werden in den nächsten 5 Jahren ihre Tätigkeit beenden! Nachfolger sind bei weitem nicht in annähernd ausreichender Zahl vorhanden. Dazu kommt der demographische Wandel, mehr Alte, mehr chronisch kranke Menschen, weniger Junge und Gesunde. Gegen diese absolut realistische Versorgungsnotlage, ist die Klimaveränderung in den nächsten 5 Jahren ein Kindergeburtstag! Hören Sie etwas vom Versorgungsnotstand in den Medien? Gibt es eine Greta, die „Fridays für Versorgung“ organisiert? Fragen Sie sich gern einmal selbst, von welchem Problem sie eher betroffen sein werden?

Wir können dem Versorgungsnotstand nur durch gemeinsame Anstrengungen entgegentreten. Dafür brauchen wir Ihre Mithilfe;

1. Organisation: benutzen Sie bitte unsere telefonischen Bestellmöglichkeiten für Rezepte, ebenso die Terminvergabe.

2. Solidarität: fassen Sie sich im Interesse aller Patientinnen und Patienten bitte kurz! Wir können nicht bei einem Termin alle Probleme lösen. Es ist verständlich, dass es praktisch wäre, allerdings planen wir unsere Zeit und können nicht immer Termine ausdehnen. Wenn es medizinisch notwendig ist, machen wir das natürlich, sonst brauchen wir aber immer einen Folgetermin.

3. Beteiligung: binden Sie gern die Kollegen Gebietsärzte in Ihre Versorgung ein. Auch diese Ärztinnen und Ärzte erhalten eine Vergütung für Ihre Behandlung und haben dafür eine entsprechende Leistung zu erbringen. Nur wenn Sie diese dort auch einfordern und sich nicht auf „das macht der Hausarzt“ vertrösten lassen, können wir Sie weiter versorgen. Die ständige Verlagerung weiterer Leistungen für Rheumatologen, Nephrologen, Orthopäden, Onkologen etc muss ein Ende haben. Jeder hat seinen Anteil zu leisten.

4. Verständnis: Alle Leistungen im Gesundheitswesen sind limitiert und budgetiert! Das heisst, egal was der nette Krankenkassenmitarbeiter Ihnen sagt, Ihnen steht nur das zu, was im SGB V oder im Heilmittelkatalog steht. Punkt. Keine Ausnahme. Wir müssen uns leider auch mit diesem leidigen Thema beschäftigen, da wir uns als Vertragsärzte verpflichtet haben, diese Verordnungsrichtlinien strikt einzuhalten. Tun wir das nicht, wird uns das Honorar bis zu drei Jahre (!) rückwirkend gekürzt. Wir haften für Heilmittel, Hilfsmittel, Transportscheine, Einweisungen, uvm, persönlich mit Haus und Hof. Deshalb ist es mit Nichten so, dass wir Ihnen etwas nicht gönnen, wenn wir Verordnungen prüfen oder limitieren oder ablehnen müssen. Wir haben nur keine Lust, diese für Sie zu bezahlen, da Ihre Krankenkasse dies aufgrund der einen oder anderen Richtlinie nicht tut.
Deshalb hilft es uns, wenn sie nicht mit uns, sondern mit Ihrer Krankenkasse diskutieren! Und lassen Sie sich nicht mit einer mündlichen Zusage abspeisen. Nur Schriftliches zählt! Dann können wir auch gern eigentlich Unmögliches möglich machen. Für alle Diskussionen über Verordnungen sind unsere Mitarbeiterinnen die falschen Ansprechpartner. Sie versuchen alles Mögliche umzusetzen und handeln ausschließlich nach den Anweisungen der Praxisleitung. Schonen Sie die Nerven unserer Mitarbeiterinnen, in dem Sie die Diskussionen dort führen, wo sie notwendig sind: bei den Krankenkassen!

5. Respekt! Der wichtigste Punkt von allen! Die Menschen, die vor Ihnen stehen, sind keine Maschinen! Sie haben selbst Familien und eigene Probleme, dennoch habe ich persönlich nie Menschen erlebt, die fürsorglicher und emphatischer mit Ihren Anliegen trotz maximaler Stressbelastung umgehen. Das verdient jeden Respekt. Behandeln Sie unserer Mitarbeiterinnen so, wie sie selbst behandelt werden möchten.
Ich habe persönlich die Anweisung gegeben, dass Patientinnen und Patienten, die nicht ein Mindestmaß an Anstand und Respekt im Umgang mit unseren Mitarbeiterinnen zeigen, sofort Ihre Behandlungsunterlagen erhalten und sich eine andere Hausarztpraxis suchen können.
Noch vor fünf Jahren hätte ich nicht gedacht, einmal solche Zeilen schreiben zu müssen, aber nicht nur Rettungskräften und Polizei wird von einigen Mitmenschen kein Respekt mehr entgegen gebracht, auch in unserer Praxis nehmen die Übergriffe zu.
Ich werde hier konsequent eine Null-Toleranz-Politik durchführen! Jeder hat einmal einen schlechten Tag, aber Alles hat seine Grenzen und wer sich nicht im Zaum hat und meint bei uns am Tresen seine Wut und seinen Frust ablassen zu müssen, kann sich gleich auf die Suche nach einem neuen Hausarzt machen – und das wird nicht leichter in den nächsten Jahren.

Ich denke, wenn wir alle miteinander offen, freundlich, solidarisch und respektvoll umgehen, werden wir noch viele Jahre erfolgreich weiter für die medizinische Versorgung aller in der Region da sein können. Es braucht aber die tägliche gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten! Es ist kein Selbstläufer!

Ihre Praxisleitung

2021-09-21T09:31:20+00:00